Konflikte in Unternehmerfamilien

Konflikte in Unternehmerfamilien sind keinesfalls die Ausnahme, sie sind der Regelfall. Weshalb ist dies so? In der Unternehmerfamilie überschneiden sich drei Systeme mit unterschiedlichen Logiken:

Das Unternehmen ist quasi unter dem Essenstisch stets gegenwärtig, es ist der unsichtbare und zugleich unübersehbare Elefant im Raum.
Konflikte im Eigentümerkreis sind oftmals die Ursache dafür, dass es zu existenzbedrohenden Krisen im Unternehmen kommt. In der Literatur spricht man von Gesellschafterkompetenz, wenn es darum geht, dass ein Familienmitglied, das zugleich Miteigentümer ist, über die Kompetenz und die Erfahrung verfügt, für das eigene Unternehmen die `richtigen´ Entscheidungen zu treffen. Es sollte Bestandteil dieser Gesellschafterkompetenz sein, über Konfliktkompetenz zu verfügen. Wenn Konflikte eh ein natürlicher Bestandteil der Alltagswirklichkeit einer Unternehmerfamilie sind, sollte man mit diesen auch `klug´ umgehen können.
Der konstruktive Umgang mit Konflikten ist eine notwendige Fähigkeit eines jeden Gesellschafters.
Worin besteht das zentrale Problem, dass sich obige drei Systeme im Familienkreis überschneiden? Es ist die Kommunikation – man weiß nie mit ausreichender Sicherheit, wer gerade spricht bzw. welche Rolle gerade dominiert? Ist es das Familienmitglied `Schwester´ oder die Geschäftsführerin `Vertrieb´ oder die Gesellschafterin oder alle drei? Der Regelfall, man verlässt morgens das Haus und legt die Familienrolle tagsüber mehr oder weniger ab, betritt sein Büro und übernimmt die berufliche Rolle, existiert für ein Mitglied einer Unternehmerfamilie in dieser Klarheit eben nicht. Hier dominiert eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Systemlogiken, die unvermeidbarerweise zu Paradoxa führen. Diese wiederum sind der Anlass für allgegenwärtige Konflikte im Kreis der Unternehmerfamilie.
Um mit diesen Konflikten umgehen zu können, muss eine Unternehmerfamilie – insbesondere wenn sie über Generationen gewachsen ist und einen größeren Verbund darstellt – ein regelbasiertes Familienmanagement bereitstellen. Jedem Familienmitglied muss klar sein und er muss sich zu dessen Einhaltung verpflichtet haben, wie das Konfliktlösungsprocedere formal aussieht.
Die Kommunikationsmuster auch in Unternehmerfamilienkonflikten sind vielfältig. Deshalb muss hier die Darstellung eines `Klassikers´ genügen. Dieser Klassiker bedeutet die rein personale Zuordnung der Konfliktursache im Verbund mit der adäquaten Motivunterstellung – das macht die Sache einfacher!
Ein Familienunternehmen leidet seit Monaten unter einem zu geringen Auftragseingang, die finanzielle Schieflage wird entsprechend Monat für Monat immer prekärer. Die Geschäftsführung besteht aus drei Brüdern der zweiten Generation. Es gibt eine klare Arbeitsteilung – einer ist für den Vertrieb, einer für die Produktion und einer für die Technologie zuständig. Das Thema ist natürlich sowohl in der Geschäftsführung wie auch in den Familien der drei Stämme allgegenwärtig. Die drei Brüder haben es nie gelernt, übergreifende Themen sachlich und kontrovers zu diskutieren. Die strikte Aufgabenverteilung wirkte für das Gesamtsystem emotional extrem stabilisierend – jeder kümmert sich um seinen Bereich. In guten Zeiten war dies das ideale Procedere.
Nun aber waren sich zwei Brüder – und ihre Familien – sehr schnell einig, ein Bruder war seiner Aufgabe nicht gewachsen und noch schlimmer er zeigte sich ihren gut gemeinten Ratschlägen gegenüber uneinsichtig und fand ständig irgendwelche, vermeintlich sachlichen Ausflüchte. Warum hörte er nicht auf sie? Auch hier war eine Antwort schnell gefunden, er zog es aus rein egozentrischen Motiven vor, weiter den großen, allwissenden Bruder zu spielen als einzugestehen, dass er nicht weiterwisse.
Der Konflikt eskalierte weiter und lähmte schließlich sowohl die Eigentümerfamilie als auch das Unternehmen. Strategische Entscheidungen konnten nicht mehr getroffen werden, da sachliche Kommunikation nicht stattfand. Es galt nicht mehr, wir haben einen Konflikt, sondern der Konflikt hat uns! Die Konfliktdynamik lief aus dem Ruder.

Um mit solchen Situationen umgehen zu können bzw. sie erst gar nicht eskalieren zu lassen, braucht es zwei Dinge:
- individuelle Konfliktkompetenz eines jeden Gesellschafters
- ein gelebtes, adäquates Familienmanagement mit etablierten Konfliktlösungsstrategien.
Abschließend noch ein paar Gedanken zum Kommunikationsverhalten in Unternehmerfamilien – die überragende Bedeutung von Kommunikation ist ja inzwischen relativ unstrittig. Die US-Sängerin Cher brachte einen Aspekt der Kommunikation auf den Punkt:
„ Words are like weapons, they wound sometimes.”
Mir `helfen´ hier nach wie vor die Apokalyptischen Reiter Gottmans am meisten. Diese Reiter, also Kommunikationsmerkmale wie z.B. Verachtung (besonders wirkmächtig!) und Abblocken, machen jede konstruktive Kommunikation schlichtweg unmöglich. Diese Merkmale und die ihnen zugrunde liegenden Mechanismen, müssen Bestandteil des Lösungs-Werkzeugkastens eines jeden Gesellschafters sein.
Unternehmerfamilien leben von ihrem Zusammenhalt. Dazu braucht es vertrauensvolle Beziehungen, die aufgebaut, kontinuierlich gelebt und weiterentwickelt werden. Dies geschieht im Wesentlichen via Kommunikation, über das soziale Miteinander im Unternehmenskontext. So entsteht Schritt für Schritt eine zweite Familie, eben die Unternehmerfamilie. Diese lernt, in einem mehr oder weniger formalisierten Rahmen, kritische Themen zu besprechen und gemeinsam Lösungen zu finden.
Damit dies einer Unternehmerfamilie – einem vierten System – im Kontext „Familie – Unternehmen – Eigentum“ gelingt, muss die Kommunikation bestimmten Regeln folgen. Meine Methode der Wahl ist hier die personenorientierte Gesprächsführung. Sie
- begünstigt u.a. das Zuhören,
- minimiert das aneinander Vorbeireden,
- bringt die beteiligten Emotionen auf den Tisch,
- verlangsamt die Kommunikation und
- beschleunigt dadurch den Klärungsprozess.

Konflikte in der Unternehmerfamilie sind also ein völlig natürliches Phänomen, sie können die Weiterentwicklung beflügeln (leider aber auch lähmen) und echte Lösungen auf den Weg bringen.
Ein kluger Umgang mit Konflikten sorgt dafür, dass das wichtigste Ziel im Eigentümerkreis erreicht wird/erhalten bleibt, seine Entscheidungsfähigkeit.